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Auschwitz: Die Unfassbarkeit menschlichen Handelns

1944 wurde die Eisenbahnlinie bis zu den Gaskammern des des Massenvernichtungslagers Auschwitz-Birkenau verlängert. Die Selektion fand bereits im Zug statt. Foto: Hans-Jürgen Amtage

1944 wurde die Eisenbahnlinie bis zu den Gaskammern des Massenvernichtungslagers Auschwitz-Birkenau verlängert. Die Selektion fand bereits im Zug statt. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Die Sonnenstrahlen brechen sich in den wenigen Blättern, die im leichten Wind an den Ästen der Alleebäume wippen. Alles wirkt ruhig und still. Entspannungsatmosphäre. Doch die Entspannung mag nicht greifen. Und auch die Stille trügt.

Denn es ist eine Totenstille, die über der 1947 eröffneten Gedenkstätte des staatlichen Museums im polnischen Oswiecim liegt. Fünf Jahre lang, von Juni 1940 bis Januar 1945 erregte dieser Ort, von den Nazis in Auschwitz umbenannt, unter den Völkern der von den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges besetzten Länder Schrecken. Weit mehr als eine Million Menschen wurden hier und in dem nur etwa drei Kilometer entfernten Konzentrationslager Auschwitz II in Birkenau (Brzezinka) von den Nazis vergast oder erschossen und anschließend verbrannt.


Zitat: „Um uns mit der Lagerdisziplin bekannt zu machen, versammelte man uns – wir waren etwa 15.000 – am nächsten Tag auf dem Platz, wo zwei Häftlinge bei Musik gehängt wurden.“ (KZ-Häftling Armand Magescas)


Auch 70 Jahre nach der Befreiung der nur noch rund 7000 Kinder, Frauen und Männer, die am 27. Januar 1945 von der Roten Armee in Auschwitz völlig entkräftet aufgefunden wurden, ist es nahezu unfassbar, was Menschen anderen Mitmenschen hier und in anderen Konzentrationslagern angetan haben. Gedanklich fassbar aber wird, warum immer noch gerade viele Juden Deutschland und die Deutschen sehr skeptisch betrachten. Und so wirken die Worte von Bundespräsident Joachim Gauck besonders nach, der heute bei der Sondersitzung des Bundestages zum Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren sagte: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz. Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes.“

Die drei Worte "Arbeit macht frei" über dem Eingang zum Lager Auschwitz I stehen für das Massenvernichtungssystem der Nazis. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Die drei Worte „Arbeit macht frei“ über dem Eingang zum Lager Auschwitz I stehen für das Massenvernichtungssystem der Nazis. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Über dem schmiedeeisernen Tor zum Lager Auschwitz prangen auch heute noch die zynischen Worte „Arbeit macht frei“. Drei Worte, die einen beim Betrachten nur noch sprachlos machen und gleichzeitig für das Grauen schlechthin stehen. Gegründet wurde das KZ  1940 für polnische politische Häftlinge. Doch dann begannen Hitlers Schergen hierher Menschen aus ganz Europa zu bringen. Unter den Häftlingen vor allem Juden.

Die Nazis hatten den Standort für dieses Konzentrationslager als ideal eingestuft. Er befand sich außerhalb des bebauten Stadtgebietes, was Ausbau und Isolation des Massenvernichtungslagers vereinfachte. Und: Oswiecim bildete einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt.

Unmittelbar nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz wurden die überwiegend jüdischen Häftlinge sofort selektiert. Repro: Hans-Jürgen Amtage

Unmittelbar nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz wurden die überwiegend jüdischen Häftlinge sofort selektiert. Repro: Hans-Jürgen Amtage

Zeitgleich bis zu 20.000 Häftlinge wurden in diesem späteren Stammlager untergebracht. Mit dem Anwachsen der Häftlingszahl vergrößerte sich auch das Lagergebiet, 1941 kamen Birkenau und 1942 Monowitz (Auschwitz III) auf dem Fabrikgelände der IG-Farben-Werke sowie in den Folgejahren 40 Nebenlager hinzu.

Konzentrierten sich die Nazis zuerst auf die allmähliche Vernichtung der Häftlinge durch Hunger, schwere Arbeit und medizinische Experimente, wie beispielsweise Sterilisationen an jüdischen Frauen, so entwickelte sich ab 1942 Auschwitz zum größten Vernichtungszentrum für Juden.


Zitat: „Die Häftlinge verrichteten ihre Funktionen genau 90 Tage lang. Am 91. Tag muss jeder von ihnen entweder lebend in den Verbrennungsofen geschoben oder zuvor vergast werden.“ (Aus einem Bericht russischer Dienststellen)


Viele der nach Auschwitz deportierten Menschen waren mit der Überzeugung gekommen, dass sie zur Ansiedlung im Osten Europas bestimmt seien, und so brachten sie häufig die kostbarsten Dinge ihrer Habe mit, die ihnen das Lagerpersonal bei der Ankunft sofort abnahm. Der größte Teil der Juden starb sofort nach dem Eintreffen in den Gaskammern, ohne dass die Kinder, Frauen und Männer auch nur registriert wurden. Die, deren Leidensweg länger andauerte, wurden in die menschenunwürdigen Baracken gepfercht, wie es besonders in Birkenau deutlich wird. Das 175 Hektar große KZ war mit 300 Gebäuden bebaut, von denen heute noch einige gemauerte und hölzerne Gebäude stehen.

In jede der rund 300 Baracken im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden bis zu 1000 Menschen eingepfercht. Foto: Hans-Jürgen Amtage

In jede der rund 300 Baracken im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden bis zu 1000 Menschen gepfercht. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Bis zu 100.000 Männer und Frauen vegetierten zu Spitzenzeiten in diesem Lager. Etwa 1000 Häftlinge wurden in den genormten Baracken ohne Fußböden untergebracht, deren ursprünglicher Zweck Ställe für Pferde waren. Die dreistöckigen Kojen waren mit verfaultem Stroh ausgelegt. Es fehlte an Nahrungsmitteln, Wasser, die hygienischen und sanitären
Verhältnisse waren katastrophal, und Unmengen von Ratten machten sich im Lager breit. Die Überlebensdauer der Häftlinge wurde von den Aufsehern mit neun Monaten kalkuliert.

Täglich bis zu 4000 Kinder, Frauen und Männer wurden im Vernichtungslager Auschwitz von den Nazis ermordet und verbrannt. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Täglich bis zu 4000 Kinder, Frauen und Männer wurden im Vernichtungslager Auschwitz von den Nazis ermordet und verbrannt. Foto: Hans-Jürgen Amtage

An diesem Ort bauten die Nazis auch die meisten Vernichtungseinrichtungen: Gaskammern, Krematorien, Verbrennungsgruben.

Vom Tor des Konzentrationslagers und der Hauptwache der SS aus zieht sich der Eisenbahnstrang zu der Ausladerampe hin, wohin der größte Teil der Züge mit deportierten Juden geleitet wurde. Hier entschieden Ärzte der SS, wer sogleich mit dem Giftgas Zyklon B liquidiert werden sollte und wer für den Arbeitseinsatz bei der IG Farben in Frage kam.

Eine wenige der deutlich mehr als eine Million Opfer, die im KZ Auschwitz in den Jahr 1949 bis 1945 systematisch getötet wurden. Repro: Hans-Jürgen Amtage

Einige wenige der deutlich mehr als eine Million Opfer, die im KZ Auschwitz in den Jahren 1940 bis 1945 systematisch getötet wurden. Repro: Hans-Jürgen Amtage

Die systematische Ermordung der – überwiegend jüdischen – Menschen war für die Nazis und Industrieunternehmen zugleich ein riesiges Geschäft. Menschenhaare und Zahngold wurden verkauft, die Industrie verdiente am Vertrieb des Todesgases Zyklon B.

Heute, genau 70 Jahre nach Befreiung des Lagers durch Truppen der Roten Armee, weisen nur noch Relikte in den Ausstellungsräumen und den Lagern selbst auf die grausamen Taten der Nazis hin. Zwei Krematorien und Gaskammern sprengten die sich im Januar 1945 zurückziehenden SS-Angehörigen in die Luft. Wahrscheinlich, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen.

Erinnerung an die Opfer der Nazis in einem von der Lagerleitung in Birkenau gesprengten Krematorium: kleine Holzschilder erinnern an die Kinder, Frauen und Männer, die hier ermordet und anschließend verbrannt wurden. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Erinnerung an die Opfer der Nazis in einem von der Lagerleitung in Birkenau gesprengten Krematorium: kleine Holzschilder erinnern an die Kinder, Frauen und Männer, die hier ermordet und anschließend verbrannt wurden. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Genau diese Ruinen sind es, die eine ganz besondere Gedenkstätte bilden: Kleine Holzschilder mit den Namen ermordeter Juden, in die Trümmer des Vernichtungszentrums gesteckt, erinnern an das, was Menschen Mitmenschen angetan haben und das sich bereits in der Reichspogromnacht und den damit verbundenen Synagogen-Bränden im Jahr 1938 abzeichnete.

Beim Verlassen dieses Ortes ist die innere Stille beim Betrachten der wenigen Blätter, die sich im Wind bewegen, gebrochen. Aufgewühlt von den Eindrücken, den Tränen nahe, blickt man zurück und es wird deutlich, dass diese Lager nur ein Teil eines von Deutschen entwickelten gigantischen Massenvernichtungssystems waren, dem bis zu sechs Millionen Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle und politische Gefangene zum Opfer fielen. Auf brutalste Weise getötete Mitmenschen, die für die Unfassbarkeit menschlichen Handels stehen.

Autor: Hans-Jürgen Amtage

Starker Kommentar von NDR-Moderatorin Anja Reschke zum Thema „70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“ in den Tagesthemen

Weiterführende Links:
Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Deutsches Historisches Museum zum Thema Holocaust
Spuren jüdischen Lebens in Minden

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1 Comment

  • Reply
    Gerhard Meyer
    28. Januar 2015 at 17:32

    Danke für diesen eindrucksvollen Bericht

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