Amtage bloggt Was man in Minden so hört

ECE, Minden und die Welt: Von Träumen und bitteren Realitäten

Der Hamburger Projektentwickler ECE hat Minden den Rücken gekehrt. Foto: ECE

Der Hamburger Projektentwickler ECE hat Minden den Rücken gekehrt. Foto: ECE

In Minden hat man noch Träume. Zumindest träumt der ein oder andere Weserstädter weiterhin davon, dass der Einkaufscenter-Gigant ECE aus Hamburg die Weserstadt doch noch einmal für sich entdeckt und die Hertie-Brache an der Bäckerstraße zu einem blühenden Einzelhandelstempel macht. Die Fachzeitschrift „Immobilien-Zeitung“ ist da eher sehr skeptisch, was generell die Aktivitäten des Projektentwicklers von der Alster angeht.

Auch wenn sich die ECE im vergangenen Jahr überraschend aus dem Projekt „Wesertor-Galerie“ in Minden zurückgezogen hatte, die Hamburger halten immer noch verschiedene Optionen an einzelnen Objekten am Wesertor. So zum Beispiel die sogenannte Kaffeemühle, jenes denkmalgeschützte Haus an der oberen Bäckerstraße. Bei dessen – sagen wir mal “finanziell stark angeschlagenem” – Eigentümer hatte sich der Projektentwickler eingekauft, mit einem Optionsvertrag, der bis Ende 2015 läuft. Ähnliches gilt für andere kleine Flächen, während an anderen Stellen die Optionen von ECE aufgegeben wurden.

Nun geht es mit dem neuen Hoffnungsträger Hellmich aus Dinslaken nun auch nicht so recht voran, was die Entwicklung von Ex-Hertie angeht. Viele erfahrene Händler der Innenstadt sind inzwischen überzeugt, dass das mit dem geplanten Sporthaus und der Nebennutzung nichts wird. Selbst in Politik und Stadtverwaltung wird das kolportiert.

Da käme der Retter aus Hamburg gerade recht. Doch auch damit sieht es düster aus, ist jedenfalls die Immobilien-Zeitung überzeugt. Deren Redakteur Christoph von Schwanenflug nahm an dem “Retail Meeting” von ECE Anfang Juli in der Fischauktionshalle in der Hansestadt teil, hörte sich Reden von ECE-Chef Alexander Otto und anderen an und verfolgte anschließend Einzelgespräche zwischen Händlern und ECE-Vermietern, wie die Zeitung in ihrer jüngsten Ausgabe schreibt. Was sich im Centermarkt in den vergangenen drei Jahren geändert hat, habe man daran ablesen können, welche Projekte im Vergleich zum Retail Meeting 2011 immer noch an der Wand hingen (Aachen, Aquis Plaza) und welche nicht mehr (Homburg/Saar), heißt es in dem Medium, dessen Bericht ich einmal ausgewertet habe.

Wer wolle, könne das so interpretieren, dass die Vermietung von Shoppingcentern selbst in Städten wie Aachen eine langwierige Angelegenheit geworden sei, von Homburg lasse ein Entwickler vom Schlage der ECE inzwischen lieber die Finger. Und das, so meine persönliche Einschätzung, gilt definitiv wohl auch für Minden. Denn Entwickler von Einkaufszentren kämen unter Druck und jetzt treffe es, wie sich ein Konkurrent ausgedrückt habe, so die Immobilien-Zeitung, “auch den Größten, die ECE”.

Der Druck komme von mehreren Seiten gleichzeitig. “Der Onlinehandel reduziert das Expansionsverhalten des stationären Handels auf der Fläche. Die Vermarktung von Einkaufszentren gerade in kleineren Städten ist viel schwieriger geworden”, sagt ein Centerentwickler. Händler und Investoren fürchteten, in die Warenhaus-Falle zu tappen. “In den 1970er- und 1980er-Jahren expandierten Kaufhof und Karstadt in die Mittelstädte. Heute sind das die schwierigsten Standorte für Warenhäuser.” Könnte es bei Einkaufszentren nicht genauso kommen? Zudem habe sich die Sicht der Filialisten auf den stationären Handel geändert. “Viele sind börsennotiert, die denken nicht mehr nur in Umsätzen, sondern in Ergebnissen”, so ein Marktteilnehmer.

Standorte, an denen sich Investitionen lohnten, würden außerdem rar – gerade für Projektentwickler ECE, der nur ungern unter 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche gehe, so die Fachzeitung. Zurzeit habe ECE in fünf Städten (Ludwigsburg, Stuttgart, Aachen, Kaiserslautern, Neumünster) 142.000 Quadratmeter im Bau. Neumünster würde in diesem Jahr allerdings der einzige Baustart in Deutschland bleiben. Ein Jahr mit nur einem ersten Spatenstich, wie lange habe es das in der ECE-Historie nicht mehr gegeben, fragt die Immoblien-Zeitung: „Minden, Bochum, Homburg, Leer, Velbert, Siegburg und wohl auch bald Goslar – inzwischen werden Projekte gefühlt viel häufiger abgeblasen als realisiert.“

Grundstücks- und Baurechtbeschaffer, bisher Garanten für den Unternehmenserfolg, würden nicht mehr in diesem Maße gebraucht. Als Zeichen könne man den Abschied von Gerd Wilhelmus von der ECE sehen. Der war übrigens auch 2006 mit dabei, wenn ich mich recht erinnere, als die Hamburger die Domhof-Galerie in Minden entwickeln wollten, dann aber gegenüber dem später gescheiterten Projektentwicklung Multi Development das Nachsehen im Rathaus-Quartier hatten.

20 Jahre habe Wilhelmus in leitender Position in der Objektentwicklung von ECE gearbeitet. Ende 2014 müsse er sich einen neuen Job suchen. Dem ECE-Architekten Fuchs, der sich bei den Planungen für die Wesertor-Galerie monatelang viel Mühe machte und sich in Minden einfühlte, ist es ebenso ergangen, wie ich im Frühjahr hörte. Fuchs ist inzwischen weg vn der ECE, widmet sich nun einem anderen Auftraggeber.

Die Wertschöpfung finde heute weniger beim Bau neuer Einkaufszentren als bei bereits existierenden Centern statt, schreibt die Immobilien-Zeitung weiter. Diese hätten den Vorteil, dass man keine neuen Handelsflächen politisch durchsetzen müsse. Das wiederum könnte sich auch auf andere Planungen in Minden auswirken, so meine Einschätzung. Wer will unter den aktuellen Bedingungen tatsächlich die zur Verfügung stehende Restfläche im Rathausquartier am Scharn zu einem kleinen Einkaufscenter entwickeln? Auch hier scheint der ein oder andere Mindener eher zu träumen als die (bittere) Realität zu betrachten. Auch wenn, wie es heißt, der Projektentwickler ITG, der in Minden die Obermarktpassage vor drei Jahrzehnten errichtete, plötzlich Interesse an dem Hinterhof-Standort am Rathaus zeige (s. auch meinen Blog-Beitrag: Innenstadtentwicklung – Neues von alten Bekannten)

Zunehmend von Bedeutung wird für alle Beteiligten dabei der Online-Handel. Während sich ECE bei baulichen Veränderungen auf vertrautem Terrain bewege, sei die “Online-Sache”, wie ECE-Geschäftsführerin Joanna Fisher den Internethandel nennt, die große Unbekannte, beschreibt die Immobilien-Zeitung die Situation. Die Hamburger hätten für den Limbecker Platz in Essen und das AEZ in Hamburg eine Smartphone-App namens “Love to Shop” kreieren lassen. Abonnenten bekämen, wenn sie sich dem Center näherten, Informationen und Lockangebote auf ihr Mobilgerät. Bis Ende 2014 solle die App für 30 deutsche Center stehen.

Der Handel ziehe aber nicht recht mit, heißt es in dem Artikel weiter, weil er mit dem Aufbau eigener mobiler E-Commerce-Anwendungen beschäftigt sei. Bisher speisten nur 250 Mietpartner von ECE in Deutschland “Love to Shop” mit Inhalten. Das entspräche dem Besatz von etwa vier Einkaufszentren – bei 100 deutschen Centern im Management nicht gerade viel. Auch Click & Collect (Bestellen im Netz, Abholen im Laden) komme schwer in Gang. ECE wolle, dass die Mieter in ihren Läden exklusive Click-&-Collect-Angebote machten. Nur 40 von rund 240 Mietern im AEZ und im Limbecker Platz täten das bisher, so die Fachzeitschrift. Selbst die zu überzeugen, wäre, so ein ECE-Manager, “ein Kraftakt”.

Autor: Hans-Jürgen Amtage

Der ganze Artikel aus der Immobilien-Zeitung hier: ECE wechselt den Kurs

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