Amtage bloggt Was man in Minden so hört

Multiblamabel zur Multifunktionshalle in Minden

Politik und Verwaltung blamieren sich in Sachen Multifunktionshalle bis auf die Knochen, meint der Mindener Journalist und Blogger Hans-Jürgen Amtage. Grafik: Stadt Minden/Assmann

Politik und Verwaltung blamieren sich in Sachen Multifunktionshalle bis auf die Knochen, meint der Mindener Journalist und Blogger Hans-Jürgen Amtage. Grafik: Stadt Minden/Assmann

Von Hans-Jürgen Amtage

Es gibt Tage, da mag ich mir nur noch an den Kopf fassen. Spätestens morgen Abend wird es vermutlich wieder soweit sein. Dann haben sich Politik und Verwaltung in Minden einmal wieder selbst in einer Ratssitzung vorgeführt. Ganz unter dem Motto: Multiblamabel zur Multifunktionshalle.

Das Multimillionen-Multifunktionshallen-Projekt beschäftigt uns ja nun schon eine ganze Weile. Der eigentlich erklärte Wille: auf dem Rechten Weserufer soll die Veranstaltungsarena entstehen, dem Jahr für Jahr tausende Euro von der Wirtschaft abschöpfenden Handball-Bundesligisten GWD Minden – das ist der mit dem grünen Blut – eine neue Heimstatt geben, Tagungsveranstalter nicht mehr in die Nachbarschaft treiben, sondern nach Minden locken, was auch für Künstler der Kategorie „Highlight“ gilt. Insoweit also: alles paletti.

Denkste. Denn wir sind ja in Minden – und haben auch noch Nachbarn, für die gilt: Wer solche Nachbarn hat, braucht keine Feinde. Denn die spucken schon einmal uns Mindenern in die Multifunktionshallen-Suppe, obwohl selbige eigentlich noch viel zu dünn ist, um beurteilen zu können, ob sie für die Nachbarschaft schmackhaft oder ungenießbar wird. Vorsichtshalber fangen die aber schon einmal an, die Multihallen-Suppe zu versalzen, nach der Devise: Wenn die da so eine Arena bauen, dann sind unsere Hallen im Eimer.

Aber auch der Kreis Minden-Lübbecke nimmt eine Haltung ein, die man – vorsichtig gesagt – als „speziell“ bezeichnen könnte. Und das, obwohl er eigentlich froh sein müsste, seine marode Kampa-Halle als Veranstaltungsort quitt zu werden.

Mit Dilettantismus zur Multifunktionshalle?

Aber konzentrieren wir uns doch auf die Akteure in unserer wunderschönen Heimatstadt. Beginnend mit der Stadtverwaltung, die – und das möchte ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich loben – eigentlich ganz gerne diese Westfalenarena, oder wie sie später auch immer heißen könnte, errichten würde. Allerdings könnte man angesichts der Vorgehensweise meinen, dass sie die Halle doch nicht möchte. Denn – allen finanziellen Unsicherheiten zum Trotz – mit einer Einstiegssumme von rund 20 Millionen Euro zu beginnen, um sie dann wenig später locker auf mehr als 30 Millionen Euro zu erhöhen, das hat schon was.

Dann auch noch zusätzlich zu erkennen, dass man mit den Planungskosten nicht hinkommt, weil man noch das x-te Gutachten beziehungsweise ein Betreiberkonzept (ach, nee) braucht, und noch einmal 200.000 Euro dafür nachzuschieben, wobei ja schon 300.000 Euro eingesetzt waren (wobei die Stadt davon ein Drittel trägt), das ist dann tatsächlich kaum noch nachvollziehbar. Man könnte von einem gewissen Dilettantismus sprechen – aber ich will ja nicht beleidigend sein.

Multihalle multimäßig vor die Wand fahren

Verlassen wir die Verwaltung und kommen zur Politik, die in Teilen alle Bemühungen an den Tag bringt, die Multihalle multimäßig vor die Wand zu fahren. Transparenz, Aufklärung, wird da von den Kleinen gerufen, die sich nicht ausreichend und tief genug informiert fühlen (was eventuell auch daran liegen kann, dass sie nicht immer bei allen Gesprächen dabei gewesen sind – trotz Einladung). Eine Sondersitzung des Rates wird gefordert, bei der dann – morgen Abend – alle Karten auf den Tisch kommen sollen. Wie ernst diese Aktion um die Sondersitzung zu nehmen ist, wird deutlich, wenn man von den Antragstellern auch gleich noch den Aufruf hört, dass auch Einwohnerfragen zu irgendwelchen anderen Themen gestellt werden können.

Damit ebnet man einmal mehr einem Selbstdarsteller unter dem Herrn und ehemaligen Bürgermeisterkandidaten den Weg für eine One-Man-Show, die er dann selbst wenig später auf Facebook bejubelt. Das wird dann Bürgernähe genannt, die allerdings aufgrund der gewählten Form wohl nur noch eine Handvoll Selbstgerechter interessiert.

So wenig unwirtschaftlich wie möglich

Verkauft wird dieses Gesamtpaket dann unter der Fragestellung „Millionengrab Multihalle: Zahlt am Ende der Bürger?“ Dabei ist das eine rhetorische Frage, weil sie in keiner Weise einem Informationsgewinn dient.

Denn, um im Bild der Multifunktionshallen-Suppe zu bleiben, die Antwort lautet: Klar wie Kloßbrühe, natürlich zahlt am Ende der Bürger. Es gibt, soweit ich weiß, keine Veranstaltungshalle in Deutschland, die schwarze Zahlen schreibt. Es kommt also nur auf einen Trägermix an, der es schafft, die Halle so wenig unwirtschaftlich wie möglich zu fahren. Ansonsten muss die Frage heißen: Wollen wir Mindener uns eine solche Halle leisten oder nicht?

Und damit sind wir beim Knackpunkt: dem Trägermix. Denn ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtfinanzierung des Hallenprojekts ist die Unterstützung durch die freie Wirtschaft. Und die bekommt hier wieder einmal von Rat und Verwaltung ein Spektakel geboten, das ich gerne mit den Worten kommentiere: Normalerweise müsste man dafür Eintritt bezahlen.

Vertrauen schaffen sieht anders aus

Vor den Augen potenzieller Geldgeber (wir sprechen hier von einer deutlichen siebenstelligen Summe) führen sich die übrigen Protagonisten in Sachen Veranstaltungsarena gegenseitig vor. Blamieren sich bis auf die Knochen. Vertrauen schaffen, das sieht anders aus.

Dabei müssten stadtseitig alle Beteiligten bemüht sein, an einem Strang zu ziehen. Manchmal funktioniert das im Stillen besser als mit viel Tamtam. Denn der kräftige Schlag auf den lauten Gong lässt häufig die stillen Bemerkungen untergehen, die man gerade auch in der heimischen Wirtschaft zum Thema Multihalle hört.

Damit wäre also angesagt, zur Besinnung zu kommen, das Geplänkel wegzulassen und sich darauf zu konzentrieren, dass eine Multifunktionshalle in Minden Realität wird – auch wenn sie kostet. Denn wir haben nicht annähernd etwas Adäquates. Und das in einer Stadt, die sich als Mittelzentrum mit Oberzentrumsfunktion bezeichnet.

Nachtrag vom 29. Juni 2017, 23.15 Uhr: Der Rat hat heute Abend nach rund dreistündiger, teils hitziger Diskussion der Vergabe des Gutachtens mit großer Mehrheit zugestimmt.

© Hans-Jürgen Amtage | 2017 – Der Text darf bei Namensnennung des Autors Hans-Jürgen Amtage unverändert in gedruckten und digitalen Medien übernommen werden

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1 Comment

  • Reply
    Matthias Beier UB-UWG
    29. Juni 2017 at 2:26

    1. Fehler: Der neugewählte Bürgermeister Jäcke wollte die Machbarkeitsstudie nicht als gute Grundlage akzeptien. Ein großer Fehler!
    2. Fehler: Der neugewählte Bürgermeister Jäcke kummunzierte die Modellrechnung FALSCH in seiner Pressekonferenz (zu welcher ich gerne hinzukommen wollte, es aber nicht durfte). Seitdem brodelt rundherum eine Anti-Minden-Welle. RICHTIG ZU SAGEN wäre aber gewesen, dass die Baukosten rechnerisch auf NULL gehen, da diese KOMPLETT INS JÄHRLICHE BETRIEBSERGEBNIS übergehen.
    3. Der meiner Meinung nach schlimmste Fehler von Jäcke ist, dass er ein eigensinniges Ding drehen will, anstelle auf dem Pfad der Machbarkeitsstudie zu bleiben. Eine kommunle Betriebsgesellschaft im Sinne eines Public-Private-Partnership scheint Jäcke nicht zu wollen, sondern er will „Investoren“ und „Profi-Betreiber“ herlocken (ähnlich dem gigantischen ECE-Flopp). Dann wäre es allerdings ein Private-Private-Partnership, worin sich die heimischen Firmen-Chefs dann sehr merkwürdig vorkommen würden. Meiner Meinung kann es nur einen „Privaten-Platzhalter“ in einem Konzept geben.
    4. Fehler ist, dass Jäcke mit einem Profi-Investor oder Profi-Betreiber die Mindener Kulturzsene gänzlich platt machen wird. Ich hatte in allen meinen Bemühen immer erläutert, dass man möglichst zusätzliches Publikum nach Minden holen sollte. Da kann der Name „Westfalen-Arena“ insofern Wirkung zeigen. Ich empfehle ein Konzept eines „Drei-Hallen-Ensembles“ damit immer reichlich freie Termine für Fachtagungen, Kongresse, Messen und Austellungen vorhanden sind.
    LEIDER BLOCKT OFFENSICHTLICH DER IN PLANUNGS-VERANTWORDUNG GERATENE NEUE BÜRGERMEISTER GUTE VORSCHLÄGE AB.
    Grüsse, Matthias Beier UB-UWG
    Unabhängige Bürger im Kreistag

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