Amtage bloggt Was man in Minden so hört

Zwischen Verunglimpfung und Übereifer – das Thema Flüchtlinge in Minden

Flüchtlinge in Minden: Gerüchte diskreditieren die Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind. Foto: Fotolia/Montage: Hans-Jürgen Amtage

Flüchtlinge in Minden: Gerüchte diskreditieren die Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind. Foto: Fotolia/Montage: Hans-Jürgen Amtage

Es gibt Tage, an denen bin ich einfach nur entsetzt. Entsetzt über das, was auch in Minden über Flüchtlinge kolportiert wird, die hier in unserer Mitte vorübergehend eine Unterkunft und Schutz gefunden haben. Frauen, Männer und Kinder, die teils wochenlang und unter elendigen Bedingungen vor Krieg, Hass und Gewalt geflohen sind, um ihr bisschen Leben, das sie in ihrer Heimat noch hatten, in eine möglichst bessere Zukunft zu retten.

Dabei sind nicht diejenigen die Kolporteure, von denen ich es nicht anders erwartet hätte: die kahl rasierten, Springerstiefel tragenden und schwarz-weiß-rote Fahnen schwingenden „Aufrechtdeutschen“, die bei jeder Gelegenheit ihre üblen Parolen grölen. Auch nicht diejenigen Deutschbürger, die am Montagabend Galgen und Transparente durch die Gegend tragen – und sich von vermeintlichen Deutschlandrettern berauschen lassen.

Es sind diejenigen, über deren Aussagen ich entsetzt bin, mit denen ich seit Jahren bekannt bin. Die ich als Menschen kennengelernt habe, die bislang das tägliche Geschehen sachlich reflektierten. Sich aber heute, wenn es um das Thema Flüchtlinge in Minden geht, in den Kanon derjenigen einreihen, die auch alles glauben, was ihnen abends nach dem 15. Bier am Stammtisch in der dunklen Eckkneipe erzäht wird. Diese sonst so sachlichen Mitbürger berichten plötzlich von ständigen Vergewaltigungen, die im Umfeld der Flüchtlingsunterkunft in Häverstädt geschähen. Von Massendiebstählen und -schlägereien, die von den Menschen in der Notunterkunft ausgingen. Ja, sogar von Anwohnern, die inzwischen ihre Koffer packten, weil sie das alles nicht ertragen würden. Das Schlimme aber ist, sie berichten das völlig davon überzeugt, dass es so geschehen ist.

Die Realität zeigt ein ganz anderes Bild. „Die Gerüchte stimmen nicht. Die Lage in der Notunterkunft ist ruhig“, wird von den verantwortlichen Stellen auf Nachfrage ohne ein Zögern erklärt. Und ich glaube dieser Aussage, weil ich bei meinen – wenn auch nur kurzen –  Aufenthalten in der Notunterkunft Menschen erlebe, die ihren Frieden finden möchten, die wissbegierig sind und in Deutschland leben und beruflich etwas erreichen möchten.

Dabei ist selbstverständlich nicht auszuschließen, dass es unter diesen Menschen auch zu Reibereien kommt. Wenn hunderte Personen auf engstem Raum unter armseligen Bedingungen über Wochen zusammengepfercht werden, dann würde vermutlich sogar blondgelockten Männern mit blauen Augen und Alabasterkörpern mal der Kragen platzen. Das liegt, sozusagen, in der Natur der Sache.

Doch die Frage ist vor allem, wie kommt es zu der Verunglimpfung der Flüchtlinge aufgrund von Gerüchten auch durch Menschen, die nicht den Vorstellungen eines 1000-jährigen Reiches nachhängen? Die nicht das Interesse verfolgen, unsere Zivilgemeinschaft mit kruden Vorstellungen zu untergraben.

Wer ein wenig das Geschehen in den sozialen Netzwerken verfolgt, bekommt schnell eine Antwort auf diese Frage. Dort machen genau diese Gerüchte im nahezu immer gleichen Wortlaut die Runde. Häufig gestreut von geschickt agierenden ultrarechten Medien, Einzelpersonen und „Stiftungen“. In fast allen Fällen haben Nachprüfungen ergeben, dass diese Gerüchte haltlos sind. Doch das scheint besonders diejenigen nicht zu interessieren, denen die Themen Vergewaltigungen, Massendiebstähle und Schlägereien im Zusammenhang mit Flüchtlingen genau ins Programm passen und die diese Gerüchte gezielt weiter streuen. Ausgetauscht werden lediglich die Ortsnamen.

Dass dieses System der Verbreitung von Unwahrheiten so gut funktioniert und auch die Mitbürger erreicht, die vor wenigen Jahren solchen „Informationen“ nicht aufgesessen wären, empfinde ich als besonders erschreckend. Und es zeigt einem die Machtlosigkeit auf, diesen Verunglimpfungen von Menschen in Not wirkungsvoll entgegen treten zu können.

Da scheint das Bemühen eines Mindener Kommunalpolitikers wie Hartmut Freise geradezu willkommen. Er wollte sich persönlich in der Notunterkunft überzeugen, wie es dort läuft. Wird aber nach kurzer Zeit vor die Tür gesetzt. Darüber reagiert er verärgert, wendet sich an die Medien. Verständlich, mag man sagen.

Doch die Medaille hat immer zwei Seiten. Zu begrüßen ist das Bemühen von lokalen politischen Mandatsträgern, sich um die Flüchtlingsfrage zu kümmern. Doch nach dem Muster „Guten Tag, hier bin ich, ich will mal gucken, wie es bei ihnen zugeht“ zu agieren, ist mehr als unglücklich. Auch ich würde einen mir noch so sympathischen Menschen nicht in mein Schlafzimmer lassen, wenn er vor der Tür steht und zu mir sagt: „Guten Tag, hier bin ich, ich will mal gucken, wie es unter deinem Bett aussieht.“

Das gleiche Recht auf Privatsphäre wie ich es habe, gilt auch für die Flüchtlinge in der Notunterkunft. Sich anmelden, nachfragen, wann eine Besichtigung der Unterkunft passt, wäre in einer solchen Situation angebracht. Übereifer ist hier fehl am Platze.

Noch bedauerlicher aber ist, dass offensichtlich Hartmut Freise der bislang einzige Kommunalpolitiker ist, den das Geschehen in der Mindener Notunterkunft interessiert. Denn, so verlautet, kein anderer Ratspolitiker habe bislang eine Anfrage gestellt, sich über die Unterbringung der Flüchtlinge informieren zu wollen. Die Frage ist, ob diese Haltung Scham oder Desinteresse ist. Beides ist ebenso fehl am Platze.

Und dass eine Flüchtlingsunterkunft und das Leben der Menschen dort sehr wohl eine ureigene kommunale Angelegenheit sind, das sollte eigentlich auch die Spitze der Mindener Stadtverwaltung wissen – und nicht so tun, als gehe die Notunterkunft die Stadt Minden und die Mindener nichts an. Die Unterkunft und die Menschen dort sind ein wesentlicher Bestandteil des aktuellen Geschehens in der Weserstadt. Nur weil es dort ein paar weiß-rote Absperrbänder gibt, die das Grundstück abgrenzen, heißt das nicht, dass dieser Ort ein schwarzes Loch ohne Leben ist. Im Gegenteil: diese Unterkunft ist ein integrativer Bestandteil unserer Stadt, der ganz besonders im kommunalen Interesse stehen müsste.

Ein Kommentar von Hans-Jürgen Amtage

Related Posts

4 Comments

  • Reply
    Heike
    11. November 2015 at 13:52

    Hallo Hans-Jürgen,
    unabhängig von den Besuchsgepflogenheiten Mindener Kommunalpolitiker hast Du vieles sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Grüße aus Potsdam (dem nahen Osten),
    Heike

  • Reply
    Alle Flüchtlinge sind Analphabeten mit Smartphones | Oliver Hallmann
    7. November 2015 at 18:20

    […] wie es Herr Amtage in seinem Blog beschreibt, ging es mir gestern auch. Kleiner Stammtisch mit Freunden. Natürlich wurde auch über das […]

  • Reply
    Hartmut Freise
    6. November 2015 at 12:44

    Guten Tag Herr Amtage, die von Ihnen erwähnte Ansprache der Medien erfolgte erst nach erneuter Zutrittsverweigerung durch den amtierenden Bürgermeister Jäcke; und zwar mit seiner Antwort auf meine entsprechende Anfrage. Auf meine Anregung, sich ggf. auf 1 Besucher pro Fraktion zu verständigen, um evtl. ´Ratstourismus´ vorzubeugen, wurde nicht eingegangen. Offensichtlich ist derartiges aber auch nicht zu befürchten.

  • Reply
    Florian Lux
    6. November 2015 at 11:19

    Wobei es auch noch eine dritte Erklärungsmöglichkeit gibt. Eventuell haben sich andere Politiker von dem Verbot für Presse und der, aus meiner Sicht, unterdrückenden Haltung des BM, schon an zwei Fingern ausgerechnet was eine offizielle Anfrage bringt.

  • Leave a Reply

    Bitte lösen Sie die Captcha-Aufgabe * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.