Multihalle in Minden: Die Geschichte wiederholt sich

Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal, hat Karl Marx einmal gesagt: Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.

Der Hinweis auf dieses Zitat mag vor dem aktuellen Hintergrund ein wenig überspitzt wirken. Doch blicke ich auf die aktuelle Diskussion und die Verhaltensweisen zur sogenannten Multihalle, fürchte ich doch, dass sich die Geschichte wiederholt.

Ich erinnere an das Jahr 2005. Die Stadt hütet ein millionenschweres Geheimnis. Irgendwann lassen sich die Pläne nicht mehr unter dem Deckel halten und die Bombe platzt. Am Standort des neuen Rathauses, dem Deilmann-Bau, soll ein innerstädtisches Einkaufszentrum entstehen. Die Domhof-Galerie. Das Verwaltungsgebäude soll dafür weichen. Rund 60 Millionen Euro will ein Hamburger Investor in das Projekt stecken.

Unzufriedenheit der Bürger unterschätzt

Staunen und erste Hinweise auf Unzufriedenheit in der Bevölkerung, was dieses Vorhaben angeht. Zunächst geht es darum, dass nur ein Investor im Gespräch ist: die ECE. Der Druck auf die Kommune erhöht sich, Ausschreibungen folgen. Am Ende dieses Procedere ist die ECE weg vom Fenster und die niederländische Multi Development soll diejenige werden, die das Objekt realisiert.

Doch die Widerstände nehmen zu. Im Hintergrund spielen auch große Mindener Einzelhändler ihre Spielchen. Vor allem aber organisiert sich eine kleine Truppe vor allem älterer Männer. Einer von ihnen hat noch ein ziemlich vergammeltes Hühnchen mit der Mindener SPD zu rupfen, der andere kauft mit seiner Frau gerne seine weißen Oberhemden „bei einem alteingesessenen Textilgeschäft in der Hamburger Innenstadt“ (Originalzitat).

Sie wettern gegen das Projekt. Sehen schon wegen des riesigen Bauvorhabens den Dom wackeln. Vor allem aber wenden sie sich gegen den Abriss des aus den End-1970ern stammenden Rathauses am Kleinen Domhof. Ein nicht einmal 30 Jahre altes, öffentliches Gebäude abzureißen, sei Steuerverschwendung. Zugleich wird der Niedergang des Mindener Einzelhandels heraufbeschworen.

Geradezu kampflos das Feld überlassen

Die Herren schaffen es, ein Bürgerbegehren gegen den Abriss des „neuen“ Rathauses zu initiieren. Die Stadt reagiert erst gar nicht, dann lahm. Verschanzt sich mit den Informationen zu dem Innenstadteinkaufscenter in einem Container auf dem Scharn. Unterdessen machen die Gegner immer mehr mobil. Auf Stadtseite scheint man den Gegnern das Feld nahezu kampflos zu überlassen.

2007 dann kommt es zum Bürgerentscheid über den Abriss des neuen Rathauses. Die Fragestellung ist für die Befürworter des Projektes geradezu katastrophal. Die Folge des gesamten Mix aus Gesamtverhalten der Stadt, Fragestellung und Hyperaktionismus der Gegner des Einkaufscenters: 56 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, die abgestimmt haben, sind gegen den Abriss und damit gegen die Domhof-Galerie  im Herzen der Stadt. Einigen, die abgestimmt haben, geht wenig später ein Licht auf, dass gar nicht das historische Rathaus zur Disposition stand, sondern der Bau mit den „Schießscharten“. Die eigenwillige Informationspolitik der Begehrensträger hat funktioniert.

Die Folge ist Stillstand

In der Politik kommt es in den kommenden Jahren nahezu zum Stillstand, wenn es um für die Stadt wichtige Entscheidungen geht. Und inzwischen steht fest: da das „neue“ Rathaus saniert werden muss, wird die Kommune dafür mindestens 42 Millionen Euro an Steuergeldern ausgeben.

Heute, 13 Jahre später, steht ein neues Multimillionenprojekt im Fokus: die sogenannte Multifunktionshalle auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs auf dem Rechten Weserufer. Mehr als unglücklich ist das Vorgehen bei Stadt und Kreis gewesen, bis es Ende des vergangenen Jahres Signale gab, das Vorhaben möglichst angehen zu wollen. Die Taktik der kommunalen Befürworter basiert dabei auf der Frage: „Wie kann ich mir am besten selbst ins Knie schießen?“

Durchladen für den Schuss ins eigene Knie

Die zweifelsohne ziemlich kurzfristige Schließung des 50 Jahre alten Sport- und Eventtempels Kampa-Halle ist dabei nur ein Schuss ins eigene Knie. In Auftrag gegebene Berechnungen, dass eine solche neue Multihalle mal nicht funktionieren wird und dann wieder doch, sind zumindest schon mal das Durchladen vor dem nächsten Schuss ins Knie.

Doch immerhin. Viele Politiker erkennen, dass Stillstand die Stadt nicht weiterbringt. Sie wissen auch, dass Geld in die Hand genommen werden muss, wenn man als Kommune weiterkommen will. Dass die sogenannten weichen Standortfaktoren auch für Minden wichtig sind.

Und sie haben eigentlich ein Ass im Ärmel: ein heimisches Unternehmen (Melitta), das sich finanziell stark einbringen will und sicherlich alles andere als ein leichtsinniger Spieler ist. Und sie würden ein Mindener Quartier anpacken, das auch mit dem alten Hafen großes  Entwicklungspotenzial für die ganze Stadt hat – bei allen zu bewältigenden Schwierigkeiten wie beispielsweise Altlasten.

Halbherzig für eine neue Multihalle

Doch – nun beginnt sich die Geschichte zu wiederholen – besonders die Stadt, aber auch der Kreis, scheinen bei dem Multihallen-Vorhaben vor sich hin zu dümpeln. Man könnte von Halbherzigkeit sprechen.

Eine Informationspolitik, um die Bürgerinnen und Bürger für das Leuchtturmprojekt zu gewinnen, scheint nicht vorhanden. Man überlässt wieder den Gegnern und offensichtlichen Stillstand-Nerds das Feld. Die argumentieren mit Fehlverhalten der Verwaltungen. Rechnen die Kosten für eine solche Multihalle ins Unermessliche. Schwören die Bürgerschaft auf den Kampf gegen den vermeintlichen Wahnsinn ein. Von Bürgerbegehren auf Stadt- und Kreisebene gegen das Multihallen-Projekt und für die Wiedereröffnung der Kampa-Halle ist bereits besonders in den Sozialen Medien die Rede. Hinter diesen Forderungen versammeln sich die Unzufriedenen, wobei zurzeit noch sehr schwer einzuschätzen ist, wie groß die Zahl tatsächlich ist.

Willkommen im Mittelalter

Die Politikerinnen und Politiker, die das Vorhaben Multihalle mittragen wollen, werden als Pack, Idioten, korrupt und anders bezeichnet. An den Pranger auf dem Markt mit ihnen, wird da schon mal gern formuliert. Willkommen im Mittelalter!

Die meisten dieser Menschen blicken dabei immer nur zurück. Drehen sich mit ihren Schimpftiraden und Argumenten im Kreis. Zukunft? Nein danke!

Wobei sie das natürlich anders sehen. Denn sie argumentieren mit der finanziellen Zukunft der Stadt, wenn Millionen in ein solches Projekt fließen. Geld, das die Stadt aktuell nicht hat. Das stimmt.

Es wird die Stadt Minden, und damit uns allen, aber auch teuer zu stehen kommen, wenn wir nicht den Fortschritt wählen. Denn auch Stillstand kann viel Geld kosten. Siehe mindestens 42 Millionen Euro Sanierungskosten für das alte „neue“ Rathaus. Mindens neuestes Denkmal.

© 2020 Hans-Jürgen Amtage | Minden

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2 Kommentare zu “Multihalle in Minden: Die Geschichte wiederholt sich”

  1. Ja schade eigentlich. Jemand der Zeitungs-Lokalchef war vermochte es nicht die Bürger ausreichend zu informieren. Dann ging für Minden alles schief. Schade! Beim Thema Kampa-Halle fällt mir jedoch auf, dass hier sehr mit gezinkten Karten gespielt wurde. Wer hat Vorschläge zur Sache? So was blödes, wenn ein brauchbarer Vorschlag dem parteigeliebtem Kandidaten nicht einfällt. Und die alte Oberprimus-Zeitungs-Stategie, wo morgens in der Zeitung steht wie am nachmittig im Rat abgestimmt werden soll, ist ja auch schon lange im Ruin mit versunken. Also, Herr Amtage, ich verstehe Sie vollkommen. Wenn ich Landrat wäre, dann würde ich überhaupt nur Ihnen das Rederecht geben. Da fehlt Ihnen ja doch was. Wehe dem aber Sie bringen dann nicht den günstigsten und passensten Vorschlag!

  2. Hallo Herr Amtage! Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie mit „Verhinderern“ nicht einverstanden. Was kann nun zum Thema Kampahalle noch geschehen? Meiner Meinung wird kein „Kreis-Volksentscheid“ den Abrissbeschluss zurückdrehen. Was geschehen könnte, wäre dass ein „GWD Runder Tisch“ einen Vorschlag für eine temporäre Lösung bezüglich auf die Kampahalle macht. Diese müsste nun auch nicht mehr Kampahalle leissen, sondern ein sinniger Name wäre Bundesliga-Halle. Es war ja schon 2014 bemerkt worden, dass kein weiteres Sponsoring-Geld kommen kann, wenn der Name einen anderen glänzen lässt. Es muss also ein neutraler Name ran! Dann muss der „GWD Runde Tisch“ auch sehr rasch das neue Interesse formulieren! Ich bin der Auffassung, dass mindestens 5 Sicherheits-Sanierungs-Punkte ganz ohne Problem – sogar ohne Erfordernis einer Baugenehmigung – gemacht werden könnten. Das wäre dann „die Aktion“ um den Weg deutlich zu verändern. Die Zielsetzung für eine Neue Arena am Bahnhof bleibt dann ohne Abstriche trotzdem bestehen. Ich habe schonmal wieder ein „Motivations-Info“ an die Chefs der heimischen Wirtschaft verteilt. Mit etwas Glück gelingt es.
    Matthias Beier UB-UWG im Kreistag

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