Anpacken statt Abwinken – warum unsere Demokratie uns alle braucht
Von Hans-Jürgen Amtage
Es ist bequem geworden, den Niedergang auszurufen. Ein Klick, ein Kommentar, ein empörter Satz – und schon ist „alles kaputt“. Doch diese Erzählung ist nicht nur falsch, sie ist gefährlich. Denn wer pauschal behauptet, unsere Gesellschaft gehe den Bach runter, liefert den staatsfeindlichen Agitatoren genau das Futter, von dem sie leben: Angst, Ohnmacht und Zynismus.
Dabei liegt die Wahrheit näher – und sie ist komplexer. Ja, wir stehen vor echten Problemen: steigende Preise, marode Infrastruktur, ein Bildungssystem unter Druck, die Transformation von Wirtschaft und Energie, Migration, Krieg in Europa. Diese Herausforderungen sind real, und sie verdienen Ehrlichkeit. Aber Ehrlichkeit heißt auch: Die große Mehrheit der Menschen in diesem Land lebt sicher, frei und mit realen Chancen. Wir haben Arbeit, soziale Sicherung, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit. Das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis von jahrzehntelangem Anpacken.
Die, die im Überfluss leben, sprechen am lautesten vom Untergang
Gerade deshalb ist es unerträglich, wenn diejenigen am lautesten vom Untergang sprechen, die im Überfluss leben. Wer „Haus, Pferd, Harley, Boot und Gold im Safe“ besitzt und gleichzeitig behauptet, alles sei verloren, betreibt keine Kritik, sondern zersetzende Stimmungsmache. Diese Rhetorik relativiert echte Not und verhöhnt jene, die tatsächlich Unterstützung brauchen. Sie verschiebt den Diskurs weg von Lösungen – hin zu Ressentiments.
Dem müssen wir widersprechen. Klar, ruhig, faktenbasiert. Anpacken heißt hier: nicht wegsehen, nicht schweigen, nicht alles durchgehen lassen. Wer lügt, muss korrigiert werden. Wer hetzt, muss gestellt werden – nicht mit Gegenhass, sondern mit Argumenten. Das ist mühsam, ja. Aber Demokratie war nie bequem. Sie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen: im Gespräch am Gartenzaun, im Verein, im Betrieb, in der Schule, online wie offline.
Die Wirklichkeit nicht schönreden
Anpacken heißt auch, die Wirklichkeit nicht schönzureden. Probleme verschwinden nicht, weil man sie leugnet. Doch sie werden lösbar, wenn wir sie gemeinsam angehen. Im Schulterschluss – zwischen Generationen, Milieus, Stadt und Land. Das erfordert Respekt und die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen. Es erfordert, zuzuhören, auch wenn es anstrengend ist. Und es erfordert den Mut, zwischen berechtigter Kritik und destruktiver Verachtung zu unterscheiden.
Unsere Demokratie ist stark, wenn wir sie stärken. Sie wird schwach, wenn wir sie schlechtreden. Jede und jeder kann etwas beitragen: sich informieren, sich engagieren, wählen gehen, widersprechen, helfen. Es braucht nicht immer große Gesten. Oft reicht der klare Satz: „Das stimmt so nicht.“ Oder die Einladung zum Mitmachen statt zum Meckern.
Anpacken ist eine Haltung
Anpacken ist eine Haltung. Sie sagt: Ich übernehme Verantwortung, weil mir dieses Land wichtig ist. Ich lasse mir meine Zukunft nicht von Lauten und Lügnern erklären. Ich glaube an die Fähigkeit unserer Gesellschaft, Probleme zu lösen – weil sie das immer wieder bewiesen hat.
Die Wahl ist klar. Zusehen oder handeln. Abwinken oder anpacken. Für unsere Gesellschaft. Für unsere Demokratie. Also: Packen wir es 2026 an!
